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Wie man für Excel Esports trainiert
Warum Excel Esports Training besonders ist
Excel Esports ist kein klassischer Sport, aber das Training funktioniert ähnlich. Wer bei der Excel-Weltmeisterschaft ganz vorne mitspielen will, braucht mehr als Formelkenntnisse. Es geht um Geschwindigkeit, Präzision, Kreativität und – vor allem – die Fähigkeit, unter Zeitdruck ein Problem zu analysieren und sauber zu lösen. Genau diese Kombination macht das Training so interessant: Man arbeitet gleichzeitig an Excel-Skills, an allgemeinen Denkfähigkeiten und an der mentalen Stabilität, auch in schwierigen Phasen leistungsfähig zu bleiben.
Der entscheidende Punkt ist, dass reine Formelkenntnisse nicht ausreichen. Jemand, der tausend Funktionen auswendig kennt, aber nicht strukturiert denkt, wird im Wettbewerb scheitern. Und umgekehrt: Wer ein starkes logisches Grundgerüst mitbringt, kann Excel-Konzepte sehr schnell aufgreifen und anwenden. Der psychische Aspekt ist jedoch auch nicht zu vernachlässigen!
Die drei Säulen des Trainings
Im Kern besteht Excel-Esports-Training meiner Meinung nach aus drei Bereichen, die sich gegenseitig verstärken:
- Excel-Skills: Formeln, Funktionen, Datenstrukturen, Arbeitsmethoden
- Problemlösefähigkeiten: Strukturdenken, Mustererkennung, Dekonstruktion komplexer Aufgaben
- Resilienz: Fokus unter Druck halten, Fehler wegstecken, nach Rückschlägen stabil weiterarbeiten
Alle drei Bereiche brauchen regelmäßige Aufmerksamkeit. Wer nur an einer Seite arbeitet, wird früher oder später eine gläserne Decke erreichen.
Erst das Zusammenspiel aller drei Säulen sorgt dafür, dass man im Wettbewerb konstant stark bleibt.
Säule 1: Excel-Skills aufbauen
Funktionen wirklich verstehen, nicht auswendig lernen
Der erste Schritt ist, Excel-Funktionen nicht als magische Abkürzungen zu behandeln, sondern als logische Bausteine. Wer versteht, wie INDEX und XVERGLEICH zusammenspielen, wer weiß, was ein Array ist und warum dynamische Arrays überlaufen können, der kommt in unbekannten Situationen deutlich weiter als jemand, der Formeln nur abschreibt. Oft ist es wichtiger einfache Funktionen gut zu verstehen, als die neusten Funktionen zwar zu kennen, aber nicht anwenden zu können.
Persönlich gehe ich an die Cases eher wie an eine Programmieraufgabe. Im Kopf erstelle ich mir einen Plan und implementiere ihn dann in Excel. Meist nutze ich dabei neuere Excel-Funktionen und versuche die Aufgabe in einer einzelnen Zelle zu lösen.
Konkrete Funktionen, die im Wettbewerb bei mir immer wieder auftauchen (Auswahl):
LET– Variablen in Formeln definieren, Lesbarkeit und Geschwindigkeit verbessernLAMBDA– eigene Funktionen schreiben, wiederkehrende Logik abstrahieren, auch ein großer Teil für die Vorbereitung, da man gewisse Standardprobleme bereits vor dem Wettkampf lösen kannNACHZEILE/NACHSPALTE– Berechnungen zeilenweise oder spaltenweise durchführen, sehr stark in Zusammenarbeit mit BroadcastingMAP– Berechnungen für jedes Element ausführen.REDUCE/SCAN– Akkumulation über Arrays, REDUCE auch für Schleifen sehr wichtigSEQUENZ,FILTER,SORTIEREN,SORTIERENNACH,EINDEUTIG– das Fundament der dynamischen ArraysXVERWEIS,XVERGLEICH– moderne Nachfolger von KlassikernÜBERNEHMEN,WEGLASSEN– wichtig um mit dynamischen Arrays zu arbeitenTEXTTEILEN,REGEXEXTRAHIEREN– Viele Text Funktionen die einige Themen sehr einfach machen
Es ist wichtig zu verstehen, wie sich Funktionen verhalten (Beispiele):
ANZAHL2,SPALTEN– ANZAHL2 zählt Fehler. SPALTEN hingegen gibt selbst einen Fehler aus, wenn der Input ein Fehler istSORTIEREN– Ein intuitives Verständnis, wie Werte in Excel sortiert werden: Zahlen < Text < FALSCH < WAHR < FehlerSUMMEWENNS– Manche Funktionen benötigen Ranges, also Zellbezüge um zu funktionierenMONATSENDE– Andere Funktionen können mit Ranges nicht überlaufen. Hier müssen bei mehreren Inputs die Bereiche in Arrays umgewandelt werdenXVERWEIS,ÜBERNEHMEN– moderne Nachfolger von Klassikern
Die Liste ist beliebig erweiterbar. Einsteigern empfehle ich immer wenn sie eine Funktion anwenden, sich erstmal auch alle Argumente anzugucken. Das hilft ein Verständnis für die Funktionen aufzubauen.
Mit Arrays denken lernen
Ein großer Unterschied zwischen Einsteigern und erfahrenen Wettbewerbsteilnehmern ist die Fähigkeit, in Arrays zu denken. Wer gewohnt ist, Formeln nur auf eine Zelle anzuwenden und dann nach unten zu ziehen, denkt zu klein. Im Wettbewerb braucht man Lösungen, die sofort mit Bereichen rechnen, ohne Copy & Paste. Händisches kopieren ist anfällig; die Überläufe zu nutzen ist meiner Meinung nach ein muss.
Übung: Versuche eine Aufgabe, die du normalerweise mit Hilfsspalten lösen würdest, in einer einzigen Formel zu lösen. Das zwingt dich, in Arraylogik zu denken.
Tastaturkürzel und Effizienz
Im Wettbewerb zählt jede Sekunde. Wer bei jedem Klick zur Maus greift, verliert Zeit. Die wichtigsten Shortcuts zum internalisieren:
- Strg + Umschalt + Ende – bis zur letzten verwendeten Zelle springen
- Strg + Umschalt + Pos1 – springt auf A1. Umschalt hilft, da man die aktive Zelle noch da hat, wo man vorher war. Dadurch kann man mit Strg + Backspace oder Umschalt + Backspace wieder zu dieser aktiven Zelle springen. Sehr hilfreich um schnell zu den Bonusaufgaben zu springen und wieder zurück.
- Strg + Leertaste / Umschalt + Leertaste – ganze Spalte / Zeile markieren
- F2 – Zelle bearbeiten
- F4 – Referenz zwischen relativ, absolut und gemischt wechseln
- Alt + = – Summe einfügen
- Strg + U / Strg + R – Inhalt nach unten oder nach rechts kopieren
- Strg + Umschalt + L – AutoFilter ein/aus
- Alt V 5 T – Datentabelle aktivieren. Für viele Teilnehmer ein muss!
Es gibt zu viele Tastenkombinationen um sie hier alle aufzuzählen. Die Wichtigsten sind mit Sicherheit die um durch eine Arbeitsmappe zu navigieren.
Daher empfehle ich jedem zu lernen, wie man mit der Tastatur effizient durch eine Arbeitsmappe navigiert. Bild hoch / runter, Strg, Pfeiltasten, Pos1, Ende, Backspace.
Profi Tipp: Wenn man am Laptop keine Bild runter / hoch Tasten hat, kann man mit FN und den Pfeiltasten das Verhalten nachahmen.
Modellierungsprinzipien
Gute Excel-Wettbewerbslösungen haben meistens eine klare Struktur: Eingaben sind von Berechnungen getrennt, Zwischenschritte sind benannt, die Lösung ist nachvollziehbar aufgebaut. Das klingt nach Luxus unter Zeitdruck, aber das Gegenteil ist wahr: Wer chaotisch baut, verliert Zeit beim Debuggen.
Für Anfänger ein einfaches Prinzip: Schreib zuerst eine Formel, die das Problem in kleinen Schritten löst. Wenn sie funktioniert, fasse die Schritte zusammen oder nutze eine Datentabelle. Das geht schneller als direkt eine komplexe Mega-Formel zu schreiben, die beim ersten Fehler schwer zu korrigieren ist.
Säule 2: Problemlösefähigkeiten entwickeln
Das Problem zuerst verstehen
Der häufigste Fehler im Wettbewerb: Man liest die Aufgabe, sieht das Ausgabeformat und fängt sofort an zu bauen. Das führt fast immer in die Irre. Stattdessen: erst vollständig lesen, dann die Kernfrage formulieren. Was ist der eigentliche Output? Welche Informationen sind gegeben? Was muss transformiert werden? Das genaue Lesen ist eine der Kernkompetenzen im Wettbewerb. In einer Runde, wo man direkt Feedback erhält kann man erstmal starten, da man sieht ob die Lösung korrekt ist. In einer normalen Runde sollte jedoch einmal komplett gelesen werden, damit man nichts übersieht.
Eine einfache Methode ist, sich die Aufgabe als Eingabe→Transformation→Ausgabe-Schema zu denken. Was kommt rein? Was soll rauskommen? Was muss dazwischen passieren?
Muster erkennen
Viele Wettbewerbsaufgaben basieren auf bekannten Mustern, die sich immer wieder zeigen:
- Gruppierung & Aggregation: Werte nach Kategorie zusammenfassen
- Rang & Sortierung: Reihenfolgen bestimmen, Top-N filtern
- Textzerlegung: Texte parsen, aufteilen, rekombinieren
- Zeitreihen: Kumulierte Werte, Perioden, laufende Summen
- Matrixlogik: Kreuzprodukte, Paarvergleiche, Distanzen
- Simulation: Werte unter Bedingungen iterativ berechnen
- Maps: Karten oder Labyrinthe navigieren
Wer diese Muster kennt und schnell zuordnen kann, spart wertvolle Zeit, weil er nicht jede Aufgabe neu erfindet.
Dekonstruktion: Komplexes in Einfaches brechen
Schwierige Aufgaben fühlen sich unlösbar an, bis man sie zerlegt. Die Methode: Nimm das Endziel und frage, was der letzte Schritt davor sein müsste. Dann frage dasselbe für diesen Schritt. So entsteht rückwärts eine Kette von kleinen, lösbaren Teilproblemen.
Diese Rückwärtsplanung ist besonders in Excel nützlich, weil man die Ausgabe oft klar sieht und von dort aus rückwärts die Formelstruktur ableiten kann.
Mentale Flexibilität: Den ersten Ansatz loslassen
Manchmal steckt man fest, weil man zu sehr an der ersten Idee hängt. Ein wichtiges Training ist deshalb, bewusst nach alternativen Wegen zu suchen: Gibt es eine andere Funktion, die hier eleganter wäre? Kann ich das Problem von einer anderen Seite angehen? Was würde ein Neuanfänger ohne Vorkenntnisse als erstes versuchen?
Im Wettbewerb ist die kürzeste Lösung oft nicht die offensichtlichste. Wer mehrere Denkrahmen mitbringt, kommt schneller zum Ziel.
Pro Tipp: Immer wenn möglich sollten Tabellen erweitert werden und die Lösung nur per Verweis geholt werden.
Säule 3: Resilienz aufbauen
Unter Druck ruhig bleiben
Auch die beste Technik hilft nur begrenzt, wenn man im entscheidenden Moment die Nerven verliert. Im Wettbewerb gehört es dazu, dass eine Formel nicht sofort funktioniert, dass man eine Anweisung missversteht oder dass die Zeit schneller vergeht als gedacht.
Auch muss man Online Runden mit Live Runden differenziert betrachten. In einer Arena, wo es laut ist, man auf einer Bühne sitzt und Leute zu schauen, ist es anders als zuhause in Ruhe am PC. Resilienz bedeutet hier, trotz solcher Momente handlungsfähig zu bleiben.
Das ist trainierbar. Wer regelmäßig unter realistischen Bedingungen übt, gewöhnt sich daran, dass Stress ein Teil der Aufgabe ist und kein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft.
Fehler schnell verarbeiten statt an ihnen hängen zu bleiben
Viele Teilnehmer verlieren nicht an einem großen Problem, sondern an kleinen Störungen, die sie mental zu lange beschäftigen. Eine falsch gesetzte Klammer, ein Denkfehler oder ein unnötiger Umweg kann passieren. Entscheidend ist, wie schnell man sich wieder fängt und in den Lösungsmodus zurückkehrt.
Hilfreich ist eine einfache innere Routine: Fehler erkennen, kurz isolieren, Entscheidung treffen, weiter. Nicht ärgern, nicht analysieren, solange die Uhr läuft. Analyse gehört ins Nachbereitungstraining, nicht in die heiße Phase des Cases. Oft hilft es auch bewusst tief durchzuatmen und nochmal genau zu lesen. Wenn möglich kann es auch helfen mit einer anderen Aufgabe weiterzumachen.
Resilienz entsteht durch Trainingsbedingungen
Wenn man nur in entspannter Umgebung ohne Zeitdruck trainiert, baut man vor allem Fachlichkeit auf. Für Wettbewerbsstärke braucht es zusätzlich Situationen, in denen Puls, Unsicherheit und Frust bewusst mittrainiert werden. Dazu gehören Timer, unbekannte Aufgabentypen, harte Abbrüche nach Ablauf der Zeit und das bewusste Weitermachen nach einer misslungenen Runde.
Resilienz heißt nicht, keine Emotionen zu haben. Es heißt, sich von ihnen nicht aus der Aufgabe tragen zu lassen.
Wie eine Trainingsroutine aussehen kann
Kein Training funktioniert ohne Regelmäßigkeit. Eine mögliche Struktur:
- Täglich (15–30 Min.): Eine kurze Formelaufgabe lösen – z.B. von Excel BI oder aus der Community.
- Wöchentlich (1–2 Stunden): Einen vollständigen Case unter Zeitdruck lösen, danach die eigene Lösung anderen Lösungen (YouTube) vergleichen und Unterschiede analysieren.
- Monatlich: Einen Bereich gezielt vertiefen – z.B. einen Monat lang alle Aufgaben rund um Textfunktionen, den nächsten Monat LAMBDA.
- Zusätzlich: Regelmäßig Einheiten einbauen, die bewusst auf Resilienz zielen – also mit Countdown, wenig Puffer und anschließender kurzer Reflexion, wie gut Fokus und Entscheidungsfähigkeit gehalten wurden. Es kann auch helfen mal nebenbei einen Stream anzuhaben, da man dann weiß, wie es auf der Bühne ist.
Der Vergleich der Lösung mit anderen Teilnehmern ist besonders wertvoll. Oft gibt es elegantere Wege, als man selbst gewählt hat. Diese Unterschiede zu verstehen ist ein schnelles Lernsignal.
Gute Ressourcen für den Einstieg
- Excel Esports Plattform – offizielle Trainings- und Wettbewerbsumgebung mit archivierten Cases
- Kanal von Diarmuid Early – Lösungsvideos von einem der weltbesten Excel-Spieler, sehr lehrreich
Was ich aus meinem eigenen Training mitgenommen habe
Einer der größten Aha-Momente für mich war zu merken, dass das Training für Excel Esports mein Denken insgesamt geschärft hat – nicht nur in Excel. Die Fähigkeit, ein unbekanntes Problem schnell zu strukturieren, mögliche Ansätze zu bewerten und den besten Weg zu wählen, ist in fast jeder Lebenslage nützlich.
Excel ist dabei das Medium, aber das eigentliche Training passiert im Kopf. Wer konsequent an allen drei Säulen arbeitet – den technischen Excel-Skills, den allgemeinen Problemlösefähigkeiten und der eigenen Resilienz – wird merken, dass der Fortschritt sich gegenseitig beschleunigt. Bessere Formeln helfen beim schnellen Denken, besseres Denken hilft beim Bauen besserer Formeln, und Resilienz sorgt dafür, dass diese Fähigkeiten auch unter Druck verfügbar bleiben.
Der Weg ist lang, aber er macht Spaß. Und irgendwann löst du eine Aufgabe, bei der du vor einem Monat noch gedacht hättest: Das ist unlösbar. Genau das ist der Moment, auf den man hintrainiert.